Zurück zu den guten alten Parteivorständen?


Es vergeht keine Nummer im Suhr Plus ohne dass uns Urs Zimmermann weiszumachen sucht, dass ausser seinen knappen dutzend Getreuen der FDP niemand in Suhr noch konstruktiv politisiere. Dass früher alles besser gewesen sei, als noch die Parteien mit ihren Präsidenten und Vorstände zusammen gekommen seien, um vorzuspuren, was dann an der Gemeindeversammlung gelten soll.

Dazu von einem, der bei den Parteivorständekonferenzen der 80er und 90er Jahre auch dabei war, folgendes: Dieses Rezept aus dem letzten Jahrhundert taugt wie viele alten Rezepte kaum mehr, um die Probleme heute zu lösen. Suhr war damals einheitlicher, dörflicher. Die FDP eine Macht mit einem Wähleranteil von weit über 20%, die SVP noch bescheiden um die 15%, die SP noch stark aber trotz grossem Wähleranteil von über 25% allein und isoliert. Grüne gab es nicht und die Mitteparteien hiessen CVP, LDU und EVP und spielten alle keine Rolle in der kommunalen Politik. Suhr zählte zwar auch bereits 7000 bis 8000 Einwohner, diese Differenz zu den 10’000 Einwohnern heute machte es aber wohl aus. Die Homogenität der Einwohnerschaft ist verschwunden: Suhr entwickelte alle klassischen Züge einer Agglo-Gemeinde. Neue Einwohner kamen und kommen, und sie ziehen wieder weg, bevor sie ernsthaft wissen, wo überhaut die Gemeindegrenzen liegen. Suhr interessiert als Wohnort oftmals kaum, wenn keine schulpflichtigen Kinder auch die Eltern zwingen, sich mit den örtlichen Begebenheiten etwas auseinanderzusetzen. Viele leben in Suhr als Schlafgemeinde, arbeiten auswärts und kennen den Bahnhof Aarau besser als Suhr, wissen oftmals nur von der Steuerrechnung, dass sie in Suhr wohnen. Weil Arbeiten, Ausgang, Einkaufen alles in Aarau, Zürich, Basel oder wo auch immer stattfindet, sicher aber nicht in Suhr.

Das ist nicht nur erfreulich, aber es ist trotzdem so: Wenn Landsgemeinden in der Schweiz nur noch Folklore sind, wenn Gemeindeversammlungen in grösseren Gemeinden kaum mehr die Probleme lösen können, können sicher nicht Parteivorständekonferenzen ein Lösung sein. Viele, die das heute beklagen, haben mit unklugen Entscheiden in der Raumplanung (Abschaffung der Ausnützungsziffer während rund  15 Jahren mit einem Bauschub), Verhinderung professioneller Strukturen in der Gemeinde (Einwohnerratsabschaffung anfangs 80er Jahre) mehr zu dieser vielleicht etwas allzu schnellen Entwicklung beigetragen als sie wahrhaben wollen. Entscheide, die von einer stabilen FDP/SVP Mehrheit in allen politischen Gremien getragen waren. Das alles blieb ungefährdet bis sich auch die neuen EinwohnerInnen zu organisieren begannen, sich zusammen mit den Parteien, die zwar schon da waren aber nie über eine mahnende Minderheitsposition hinauskamen, auch politsch einzumischen begannen. So entstand und darum gibt es Zukunft Suhr, deshalb auch dieser Name.

Das ist nun aber eine erfreuliche Entwicklung: Wer beginnt, sich im konkreten Lebensumfeld zu engagieren, nicht mehr alles hinnimmt, wie es ist, sondern die Verhältnisse zu gestalten versucht, der integriert sich im positiven Sinne. Die Agglobewohner beginnen sich mit dem Wohnort auseinanderzusetzen, ihn zu gestalten. Das löste Widerstand und Ängste aus, da passieren auch Fehler, werden Wahlkämpfe vielleicht etwas heftig geführt, weil nicht nur politische Programme, sondern vielmehr völlig andere Lebensentwürfe aufeinander prallen. Da werden professionelle Behördestrukturen verlangt, Dienstleistungen der öffentlichen Hand, die andernorts, in den Städten, wo die neuen EinwohnerInnen arbeiten, vielleicht früher wohnten, selbstverständlich sind, gefordert. Man zahlt Steuern (was ja sehr erwünscht ist) und will dafür mehr als langwierige komplizierte und unbeholfene Ansätze: „Ja, es ist schon gut, vielleicht später etwas in dieser Richtung zu tun, zuerst als Arbeitsgruppe, vielleicht in einem Verein, privat organisiert und so, dass es nichts kostet.“ Ja, damit geht etwas einher, dass vielfach auch die Selbstverantwortung sinkt, dass man mehr von der öffentlichen Hand fordert, ohne selber etwas zu tun, ausser Steuern zu zahlen. Dass dies die FDP, deren Ur-Kredo gerade diese so gepriesene Selbstverantwortung war und ist, in den Grundfesten erschüttert, ihren Widerstand herausfordert ist klar und nachvollziehbar. Aber vielleicht hat es ja einen Grund, weshalb die FDP seit einigen Jahren Wahlen verliert.

Also, es liegt nicht an der fehlenden Parteivorständekonferenz, diese hat sich überlebt in einer Zeit, in der die Parteimitglieder noch grössere Raritäten sind als Kirchgänger. Das auf dem Blog einer Partei feststellen zu müssen, mag etwas kurios ankommen. Aber immerhin hat die SP immer betont, dass sie für alle und nicht für wenige sich einsetzt, dazu sind die Parteivorstände wenig geeignet. Sich derartigen Erkenntnissen zu verschliessen, ist aber hilflos und wenig zukunftsträchtig. Neue Ideen, mutige Entscheide sind gefragt. In diesem Sinne soll der Dialog stattfinden, wie auch immer man den Foren sagt, die zum Gespräch führen: Zukunftswerkstatt war auch mal ein Begriff dafür, vielleicht passt der wieder. Dazu sind alle in Suhr eingeladen, denen es wirklich um die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft geht und nicht nur um das Bewahren von längst Vergangenem, für letzeres gibt es Museen. Womit sie auch wissen, warum ich nicht Mitglied des Museumvereins in Suhr bin.

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