„Ich bin ein Suhrer“


„Ich bin ein Berliner“ sagte Kennedy in seiner historischen Rede 1963, um dem damals noch isolierten Berlin seine Verbundenheit kundzutun. Ja, so schmückt sich auch das echo mit derart geschichtsträchtigen Worten, um einmal entgegen aller Mutmassungen klarzustellen, dass ihm etwas an Suhr liegt, dass es mit Suhr verbunden ist, und nicht zufällig seinen Blick vom Suhrer Wahrzeichen auf die Geschehnisse im Dorf richtet.

Ja, wer länger hier wohnt, entwickelt eine Verbundenheit mit diesem Wohnort, seinen Nachbarn, den Schulen und den dort gewonnen Freundschaften. Den Vereinen, wo die Freizeit teilweise verbracht wird, aber auch mit der geliebten Joggingstrecke, dem täglichen Hundeauslauf, dem Bikeweg. Aber auch mit den Waldhütten, den Beizen und Restaurants, der Bärenmatte und den Kirchen. Vielleicht sogar mit den überlangen, nur teilweise lustigen und unterhaltsamen Gemeindeversammlungen entwickelt man eine Sympathie, einmal mehr und einmal weniger. Überall, wo man Erinnerungen hat, wo man schöne oder auch weniger schöne Erlebnisse hatte, die einen prägten, zu dem machten, was man ist.

Ja, der Versuch, Heimat zu beschreiben, ist nicht ganz so einfach. DeutschlehrerInnen haben ganze Generationen von Schülern schon mit derartigen Aufsatzthemen gequält.

Aber das echo muss hier klarstellen, dass diese Heimat, diese Verbundenheit mit der nahen Umgebung und vor allem seinen Bewohnern auch nach Jahren des gleichen Wohnortes nichts zu tun hat mit der Frage, in welchem Gemeinwesen sich die Bedürfnisse der Bevölkerung am optimalsten (qualitativ gut und zu tragbaren Kosten) befriedigen lassen. Die Gemeindegrenzen sind heute vielfach überholt. Die Verkehrsmittel haben sich in den letzten 30 Jahre in einer Art entwickelt, die uns neben verstopften Strassen auch ein Vielzahl von Möglichkeiten geben, unsere Bedürfnisse auch in einem weiteren Umfeld zu decken. Kommunikationsmittel wie Computer, Internet und Mobiltelefone haben neue Verhaltensweisen ermöglicht und neue Bedürfnisse geschaffen. Die Dörfer und Städte sind zusammengewachsen, Wohn- und Arbeitsorte liegen oft weit voneinander entfernt; die Bedeutung des Dorfes ist nicht mehr dieselbe, wie früher! Gerade im Berufspendlerverkehr, den Freizeitbedürfnissen gehen heute viele Leute auch in Suhr andere Wege als noch in den letzten Jahrzehnten. Die Bedürfnisse sind markant anders geworden.

So tun als wäre das nie geschehen, ist nicht einfach schwärmerische Romantik. Es behindert und verhindert eine Entwicklung der Region. Eine Entwicklung, die die Dienstleistungen der öffentlichen Hand kontinuierlich den Bedürfnissen der Einwohner anzupassen hat. Anpassen müssen wir unseren Heimatbegriff, ihn lösen von der Gemeinde als Verwaltungseinheit als politische Organisation. Unser Verhältnis zum dörflichen Lebensraum müssen wir nicht über Bord werfen, verleugnen, aber uns bewusst werden, was uns denn wirklich nahe ist und ans Herz gewachsen ist. Heimat müssen wir trennen von der Gemeindeorganisation, an die wir uns zwar gewöhnt haben, die aber nicht wirklich unser soziales Netz verkörpert. Obama knüpfte bei seinem Besuch in Berlin zwar an die historischen Worte Kennedys an. Aber auch Berlin 2008 war nicht Berlin 1963; und Obama sah schon vor seiner Wahl mehr denn je auch Veränderungsbedarf. Veränderungen sind möglich, Yes we can. ……………..Ja, ich bin ein Suhrer, aber Suhr ist nicht mehr, was es war.

Veröffentlicht in Fusion, Geschichte, Regionentwicklung. Schlagwörter: , , . Leave a Comment »

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